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Zwischen Chaos und Erstarrung
oder: wo bleibt die Lebendigkeit?
Zwischen Chaos und Erstarrung
oder: wo bleibt die Lebendigkeit?

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"Die törichte Beständigkeit ist die Krücke der Kleingeister."

Ralph Waldo Emerson











Grundgedanken

Leben ist die Kunst, zwischen den Polen Erstarrung und Auflösung/Chaos eine Balance zu wahren. Vor allem in Zeiten des Wandels sind wir immer wieder vor die Herausforderung gestellt, uns bei aller Veränderung, die stattfindet, uns selbst und jene, für die wir verantwortlich sind, zu stabilisieren.
Deshalb ist es wichtig, sich mit ein paar Grundgedanken der modernen Chaosforschung vertraut zu machen.

Hierzu eine inspirierende Wortschöpfung von Dee Hock, des Gründers von VISA, der derzeit grössten wirtschaftlichen Organisation:

Definition "chaordic" \kay'ord-ick\ adj. [fr.E. cha'os and ord'er]
1. The behavior of any self-organizing and self-governing organism, organization, or system that harmoniously blends characteristics of chaos and order.
2. Characteristic of the fundamental, organizing principle of nature[1]
(Zitiert aus "One from Many", Dee Hock, Founder of VISA, 2005)




Jedes lebende System ( Organismen, Gruppen, Unternehmen, ...) ist ein gelungener Balance-Akt zwischen Chaos und Erstarrung.


Seit den sechziger Jahren hat sich ein neuer Zweig in der Wissenschaft etabliert: die sogenannte Chaos-Forschung. Kurz gesagt geht es in einem Teilgebiet der Wissenschaft vom Chaos um die Erforschung der Entstehung selbstorganisierter Ordnung in scheinbar chaotischen (also in ihrem Verhalten nicht exakt vorhersagbaren) Systemen, wie zum Beispiel das Wetter, die Börsenkurse, Verkehrsaufkommen in Ballungszentren und die Gehirnaktivität des Menschen.

Aus dieser Forschung haben sich interessante Erkenntnisse über die Eigenschaften lebender Systemen ergeben. So hat man zum Beispiel festgestellt, dass ein zu regelmässiger Pulsschlag einen Herzinfarkt ankündigen kann, während ein zu unregelmässiger Herzschlag in Herzflimmern übergehen kann. Mit anderen Worten:


Sowohl zuviel Ordnung als auch zuwenig Ordnung ist lebensgefährlich.

Bei zuviel Veränderung kollabiert das System, bei zuwenig Veränderung kann es nicht mehr angemessen auf die sich verändernden Anforderungen flexibel und rechtzeitig reagieren.


Veränderung rückt den Aspekt "Chaos" ins Bewusstsein und weckt mitunter die Sehnsucht nach der verlorenen Ordnung von gestern.

Neues verunsichert, wobei die Toleranz für Neues individuell verschieden ist. Während manche Menschen Veränderung noch als aufregende Herausforderung und willkommene Abwechslung empfinden, können andere dies schon als Bedrohung empfinden. Wenn Menschen sich bedroht fühlen, geraten sie in Stress und neigen zu Stressbewältigungs-strategien, die eher der Abwehr des Wandels dienen. (zum Beispiel Verleugnung, Widerstand, Rückzug, Bekämpfung der Initiatoren des Wandels)


In Zeiten großer Veränderung braucht der Mensch Eckpfeiler der Stabilität.

Unabhängig davon, wie wir individuell veranlagt sind, besteht die Kunst im Umgang mit unvermeidlichen Veränderungen darin, Eckpfeiler der Stabilität anzubieten. Besonders dann, wenn das Motto heißt: "Kein Stein bleibt auf dem anderen" oder "Das einzig Beständige ist der Wandel".
Als Führungskräfte können wir den betroffenen Menschen solche Eckpfeiler der Stabilität anbieten, indem z. B. zumindest Beschäftigungsgarantie zugesagt wird und wenn das nicht geht, eine verlässliche, schnelle und glaubwürdige Informationspolitik.


Je mehr die Menschen wissen, worauf sie sich verlassen können, desto mehr sind sie bereit, sich auf Neues einzulassen.

Damit wir andere Menschen in Zeiten der Veränderung sinnvoll führen können, ist es unerlässlich, dass wir uns selbst genügend stabilisieren können.

Aus dem bereits Gesagten folgt, dass die ständige Auseinandersetzung und Bewältigung von Veränderung ( = instabilisierende Einflüsse) letztendlich ein wesentliches und nicht vermeidbares Charakteristikum des Lebens ist.
Neuerungen sind grundsätzlich von Phasen der Instabilität begleitet.


Es geht nicht darum, Instabilität zu vermeiden, sondern genügend Optionen zu haben, um mit Instabilität umzugehen.

Dieses Wissen um Wege, die aus der Instabilität wieder hinaus führen, geben uns die innere Stabilität uns somit den Mut, Instabilität zu riskieren, so wie beispielsweise der Tiefseeforscher es wagt, in ungesicherte Tiefen zu tauchen, wenn er auf seine Sauerstoffflasche, sein Material und seine Mannschaft vertraut.

die innere Verfassung der Führungskraft bestimmt ihre Wirksamkeit im Wandel

Nur wer sich wohl und innerlich genügend stabilisiert fühlt, kann in Ruhe seine zur Verfügung stehenden Fähigkeiten und Kräfte bündeln, um auf Veränderungen und die Befürchtungen anderer Menschen angemessen zu reagieren.

Wohl fühlen wir uns dann, wenn wir uns nicht bedroht fühlen und noch über einen Rest von Kontrolle über unsere Situation haben. Ist dieser Zustand gefährdet, lohnt es sich, zu wissen, wie wir wieder ein Mindestmaß an innerer Stabilität für uns erzeugen können.

Hier hilft die rückblickende Auswertung unseres eigenen Erfahrungsschatzes (bereits gemeisterte Situationen der Veränderung in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen) mit Hilfe folgender Fragen:


  • Welche Anzeichen deuten darauf hin, dass es wichtig ist, für mehr Stabilität zu sorgen?
  • Was hat mir damals Stabilität / Sicherheit gegeben? (Umgang mit mir selbst, Unterstützung im privaten und beruflichen Umfeld)
  • Welches Verhalten würde meine bereits vorhandene Verunsicherung noch verstärken und sollte ich deshalb eher vermeiden?
  • Gibt es ein Symbol, eine Handlung, irgend etwas, mit dem ich mir in einer schwierigen Situation eine stabilisierende Fähigkeit oder Geisteshaltung wieder zugänglich machen kann?


Beispiel für ein Symbol: Ein kleiner Stein, der bei einer schönen Bergtour gefunden wurde, und nun in der Hosentasche jederzeit greifbar ist und an das Lebensgefühl auf dem Berggipfel erinnert.

Beispiel für eine symbolische Handlung: eine Führungskraft hatte festgestellt, dass ein Zurücklehnen und die gegenseitige leichte Berührung der Fingerspitzen sofort eine Haltung des "In Ruhe Nachdenkens" und der "inneren Sammlung" in ihr wachrufen konnte.

Wichtig: Symbole oder symbolischen Handlungen sind äußerst individuell und müssen selbst entdeckt werden. Sie können nicht einfach angeordnet werden.

Menschen unterscheiden sich darin, wie viel Unsicherheit sie aushalten können und wie viel Sicherheit sie benötigen, um sich noch wohl fühlen zu können. Hierbei geht es nicht nur darum, den "Fun"-Faktor zu maximieren, denn nur wer sich einigermassen wohlfühlt, hat auch optimalen Zugang zu seinen Fähigkeiten, seiner Kreativität und seiner Kraft. Warum? Weil er seine Kraft nicht in Angst und das Klammern an Vergangenes investiert. Und maximaler Zugang zu unserer Kraft, zu unseren Fähigkeiten und zu unserer Kreativität ist in Zeiten des Wandels so dringend notwendig - im wahrsten Sinne des Wortes: "Not-wendend".

Wie viel Unsicherheit ein Mensch aushalten kann, hängt nicht nur von seiner Persönlichkeitsstruktur ab. Andere Faktoren spielen ebenfalls eine sehr wichtige Rolle. Deshalb unterscheiden wir im folgenden zwischen fünf Quellen der Stabilität bzw. Instabilität:

Die fünf Quellen der Stabilität und Instabilität





Gesundheit


Eine ernsthafte Erkrankung kann uns destabilisieren. Unsere Kraft und Aufmerksamkeit ist durch die Bewältigung der Krankheit bzw. Sorgen und Schmerzen in Anspruch genommen und steht uns somit weniger für die Bewältigung anderer Herausforderungen des Lebens zur Verfügung.


Werte, Glaube, Einstellungen

Ob und in welchem Ausmaß Veränderungen als Bedrohung oder interessante Herausforderung empfunden werden hängt auch davon ab, welche Einstellungen, welche Werte und welchen Glauben wir entwickelt haben. Es macht einen Unterschied, ob wir die innere ?berzeugung hegen, dass uns "das Leben trägt", "sich Gott etwas dabei gedacht hat", wenn wir mit unerwünschten Wendungen des Lebens konfrontiert sind, oder ob wir "Schicksalsschläge" beispielsweise als Ungerechtigkeit oder eigenes Versagen interpretieren. Gelingt es uns mit Hilfe unseres ungebrochenen Optimismus noch, das halbvolle Glas zu sehen oder sind wir erschüttert über das halbleere Glas? Hierzu auch eine kleine chinesische Geschichte:
Einem Bauern liefen zwei wilde Pferde zu. Da sagten die Leute: "Jetzt hast du aber Glück gehabt." Er aber sagte: "Mal sehen". Am nächsten Tag hat sein Sohn die Pferde eingeritten, fiel aber herunter und brach sich ein Bein. Jetzt sagten die Leute: "Da hast du aber Pech gehabt." Er aber sagte: "Mal sehen." Am nächsten Tag kamen Abgesandte des Kaisers, um Rekruten für den Krieg auszuheben, ließen aber den Sohn mit dem gebrochenen Bein zurück. Da sagten die Leute: "Da hast du aber Glück gehabt." Der Bauer sagte: "Mal sehen."



Fähigkeiten

Neben unseren Einstellungen und Werten, die wesentlich die Interpretation von Schicksalsschlägen bestimmen und damit unsere emotionale Reaktion und unser Handeln bestimmen, spielen auch unsere im Laufe des Lebens erworbenen Fähigkeiten eine große Rolle. Wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass ich schon ganz andere Krisen überlebt und schwierige Situationen ganz anderen Ausmaßes gemeistert habe, fällt es mir in schwierigen Situationen leichter gelassen zu bleiben, als wenn ich bisher keine wirklichen Krise erlebt habe. Jede Krise, die wir bewältigen, stärkt uns für die nächste.



Privates Umfeld

Ein wesentlicher Faktor ist auch unser privates Umfeld. Jemand, der in einer tragfähigen Familie eingebettet ist und einen großen Freundeskreis hat, hat mehr Möglichkeiten, eine berufliche Krise zu bewältigen als jemand, der privat eher isoliert ist.



Berufliches Umfeld

Umgekehrt ist ein gut funktionierendes berufliches Umfeld ein stabilisierender Faktor für jemanden, der gerade im Privaten eine Krise durchzustehen hat.


Grundsätzlich gilt:
Jeder Mensch kann irgendwann in seinem Leben in eine schwere Krise geraten. Diese ist um so wahrscheinlicher, je weniger Ressourcen ihm in jedem der fünf genannten Felder zur Verfügung stehen und je mehr Felder von schwierigen Veränderungen / Verlusten gleichzeitig betroffen sind. Ob und wie ein Mensch solch eine Krise bewältigt, hängt auch davon ab, wie sehr sich seine / ihre Persönlichkeit bereits entfaltet hat. Für die Vertiefung empfehle ich die Lektüre des Artikels "Wozu Persönlichkeitsentfaltung? Haben wir nicht schon genug zu tun (siehe unten)".

Anmerkungen



  1. sinngemäss übersetzt (von Ingo Heyn): Definition "chaordnet / chaordisch":
    1. Das Verhalten eines selbstorganisierenden und selbststeuernden Organismus, einer Organisation oder eines System, das in sich harmonisch die Charakteristiken von Chaos und Ordnung vereint.
    2. Eigenschaft des fundamentalen Organisationsprinzips der Natur



Wozu Persönlichkeitsentfaltung?